Schulreformen in Hamburg
Bildungspolitik als Kuhhandel
 | Reinhard Kahl |
 | 06.02.2012 - 19:28 |
 | ZEIT ONLINE |
Eine Initiative, die das Gymnasium verteidigt, streitet mit dem Hamburger Senat um die sechsjährige Primarschule. Gibt es eine Alternative zu faulen Kompromissen?
Ein Volksentscheid kann in Hamburg nur noch vermieden werden, wenn sich die Landesregierung, der Senat, und die Initiative mit dem Namen "Wir wollen lernen" einigen. Nun haben die Kontrahenten am Freitag eine Entscheidung wieder vertagt. Aber auch wenn sie demnächst aufeinander zugehen, wäre die Bildungspolitik wieder bei dem Kuhhandel angekommen, mit dem Schwarz-Grün vor fast zwei Jahren begann.
Die Grünen und die CDU erfanden im Frühjahr 2008 in den Koalitionsverhandlungen kurzerhand die sechsjährige Primarschule. Mit dem Spruch "Neun macht klug" waren die Grünen in den Wahlkampf gezogen. Ihr Ziel war mit Blick auf ein rot-grünes Bündnis eine neunjährige "Schule für alle" nach skandinavischem Vorbild. Die CDU hingegen hatte seit 50 Jahren eigentlich nur ein bildungspolitisches Credo: Das heilige Gymnasium bleibt tabu. Was machte es da schon, dass in dieser Zeit aus einer Fünf-Prozent- eine 50-Prozent-Schule geworden ist.
Nach der Kreation der neuen Schulform aus dem Stehgreif, so ganz ohne Bildungskommission, Modellversuch, wissenschaftliche Begleitung und was sonst Regierungen als Mindestausstattung jeder Reform verlangen, begannen die Koalitionspartner sich in ihr Produkt zu verlieben.
Ja, sie schienen zuweilen zu glauben, es wäre der Stein des Weisen. Der wurde mit guten Prinzipien poliert: Abschaffung der Ziffernnoten; Definition von Kompetenzen, die Schüler erreichen, statt Auflistung all der Inhalte, die Lehrer unterrichten sollen; vor allem die Individualisierung des Lernens wurde ganz groß geschrieben.
So weit, so gut. Das sind alles Prinzipien, mit denen man gute Schule machen kann. Das sind die Grundsätze moderner Pädagogik. Was aber sollte passieren, wenn die neue, reformpädagogisch eingefärbte Schule nach der sechsten Klasse zu Ende geht? Denn das war ja der Beschluss, sechs Jahre gemeinsames Lernen und nicht mehr.
Nun hatte sich bereits vor der letzten Bürgerschaftswahl in Hamburg die allein regierende CDU dazu durchgerungen, die längst von den meisten Schülern verlassene Hauptschule aufzugeben. Zusammen mit Realschulen und den in Hamburg zahlreichen Gesamtschulen sollte sie in eine „Stadteilschule“ – was immer das heißen soll - überführt werden. Dort soll das Abitur ebenfalls möglich sein, nach insgesamt 13 Jahren.
Natürlich waren die Reformer um die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch besorgt, die Stadtteilschule könnte sich dem Hoffnungsziel einer "Schule für alle" gar nicht erst nähern, bevor sie schon wieder die neue Restschule geworden wäre. Würden die meisten Familien nun nicht erst recht in den Sog des Gymnasiums geraten, wenn nur noch eine A- und eine B-Schule nach der Primarschule zur Wahl stünden? Also erwog man Quoten fürs Gymnasium und ließ dieses Vorhaben gleich wieder fallen, als es in der Öffentlichkeit Gegenwind auslöste.
Und dann machten die Primarschulreformer den größten denkbaren Fehler. Sie untermauerten ihre pragmatisch gemeinten Lenkungsabsichten nach der sechsjährigen Schule mit einer kühnen Hilfskonstruktion: Ausgestattet mit Kompetenzrastern und Kompetenztests könnten die Lehrer künftig nach sechs Jahren der reformierten Primarschule verlässlich entscheiden, ob sie ein A-Kind für die Welt des Gymnasium oder nur ein B-Kind, das im Stadtteil bleibt, vor sich hätten.
In der Schulbehörde wurden beim Umsetzen des politischen Kompromisses über Nacht aus Kritikern des selektiven Systems nun Konstrukteure einer renovierten Variante. Sie brachten das Kunststück fertig, sowohl die Ablehnung all derer auf sich zu ziehen, die bisher schon unter der Auslese gelitten hatten oder sie ablehnten, und die Angst derer noch hinzu zu gewnnen, die ihre Kinder notfalls mit täglicher Nachhilfe irgendwie durchs Gymnasium bekommen. Das war die Sünde.
Die Reformankündigung mobilisierte Verliererängste bei der Mittelschicht, deren Aufstieg übers Gymnasium geht und bei der alten Oberschicht, deren Kinder schon als Babys das Abitur sicher haben.
Rettungsversuche der halbherzigen Reform machten bald alles noch schlimmer. Um die neue "Stadtteilschule" gegen den gymnasialen Sog zu schützen, machten sich CDU und Grüne daran im Gesetz den sogenannten Elternwillen abzuschaffen. Diesen hatten vor 30 Jahren gegen manchen Widerstand der Gymnasiallobby in Hamburg sozialdemokratische Gesamtschulanhänger durchgesetzt, nachdem sie die Hoffnung auf eine integrative Umstellung des gesamten Schulsystems begraben mussten.
Die gymnasiale Fraktion indessen fürchte damals, dass der Run aufs Gymnasium dadurch neuen Schub bekommt und es aufhört die höchste Schule zu sein. So kam es denn auch. Immerhin brachte der Elternwille für Hamburg einen in Deutschland einmaligen Ausbau der Gesamtschulen mit sich.
Aber nun, 30 Jahre später, wurde die Rücknahme dieses Elternwillens von all denen, die inzwischen auf den Besuch des Volksgymnasiums setzen, als Bedrohung für die Karriere ihrer Kinder gesehen. In manchen Hamburger Stadtteilen gehen 80 Prozent der Kinder zu dieser neuen Quasigesamtschule. Die Initiative konnte daraufhin mit 184 000 Unterschriften einen Volksentscheid erzwingen. Wenn der Senat nicht vorher klein beigibt, wird es dazu kommen.
Vom schwarz-grünen Senat wurde bereits zugesichert, dass der sogenannte Elternwille nun doch nicht fallen soll. Es ist klar, im Kuhhandel zweiter Akt, geht es noch unverbrämter um die Macht und fast kaum noch um Pädagogik. Die Reformgegner managen im Grunde nur geschickt ihre Vorteile, beanspruchen aber eine Art bildungspolitisches Mandat in der Stadt und bekommen es tatsächlich eingeräumt. Wenn sich die Hamburger Regierung mit dieser Initiative nicht einigt, dann kann es gut sein, dass nach dem Volksentscheid im Sommer das ganze Primarschulprojekt vom Tisch ist.
Das kaum noch durchschaubare System von Verschlechtbesserungen wird an der weiteren juristischen Modulation des Elterwillens am deutlichsten. Er galt ja bisher nur beim Übergang zu weiterführenden Schulen nach der vierten Klasse. Von der sechsten Klasse an bestimmten auch in Hamburg dann die Lehrer, wer in der höheren Schule bleiben darf oder als sogenannter "Rückläufer" wieder runter muss. Nachdem die Elterninitiative vor allem mit der Empörung gegen das Streichen des Elternwillens Unterschriften gesammelt hatte, und der Senat klein beigeben will, überrascht jetzt die Initiative mit der Forderung, dass das Elternrecht doch nur nach der vierten Klasse gelten solle, denn sonst werde ja bald jeder zum Gymnasium gehen. Primarschulen, so die Lobby der höheren Eltern, sollte erst mal nur ein Viertel der Grundschulen werden dürfen.
Die Lösung des Kuhhandels um das Problem "Elternwillen" wird sich wohl bald als neues Problem herausstellen. Am Ende jedenfalls steigt so oder so der Zustrom zum Gymnasium. Vielleicht ist das Volksgymnasium in Deutschland ja der einzig mögliche Umweg zu einer Schule für alle.
LESER-KOMMENTARE
Maude am 23.01.2010 um 14:19 Uhr
1. Kuhhandel
Selten habe ich einen so diffusen und wenig positionierten Kommentar von Herrn Kahl gelesen. Spricht daraus immer noch Enttäuschung, dass die Schule für Alle nicht verwirklicht werden konnte - zumindest noch nicht?
Immerhin scheint jetzt ein erster Schritt möglich. Das Tohuwabohu um den Elternwillen in Hamburg läuft doch darauf hinaus, dass der ursprüngliche Plan, nach Klasse 6 in der Primarschule die Zeugniskonferenz über die Schulartempfehlung entscheiden zu lassen, so schlecht nicht gewesen ist.
Zumal das ganze Tohuwabohu von der Initiative "Wir wollen Lernen" angezettelt wurde, die konsequent den Begriff und das Wissen um die Orientierungsstufe vermied und verdrängte.
Die Initiative beharrt jetzt auf dem Elternwillen nach Klasse 4, für den es in der 6jährigen Primarschule gar keinen Anlass gibt. Das eigentliche Ziel ist in den Vordergrund getreten: Die neue Schulform gilt es zu verhindern, obwohl sich für sie allerorts Experten aussprechen, auch Herr Kahl.
Wird es nicht Zeit gezielt aufzuklären über Vorteile, Vorzüge und Fortschritte in Hamburger Schulen, die bereits auf dem Weg sind, um Eltern, die sich durch die Initiative haben verunsichern lassen, endlich mitzunehmen in den Aufbruch hin zu einer neuen und besseren Lernkultur und Bildungslandschaft?
Hamburger Eltern sollten sich die Schullaufbahn ihrer Kinder nicht von einem Herrn Scheuerl vorschreiben lassen müssen. Hierfür ist die Regierung zuständig oder eben ein Volksentscheid. Ich bleibe optimistisch!
twistlock am 23.01.2010 um 14:58 Uhr
2. Können Sie sich vorstellen...
...das ein Arztsohn Maurer wird? Nein? Sowas kommt auch nicht vor! Jeder Mensch käme sich doch in seinem Lebensentwurf gescheitert vor wenn sein Nachwuchs nicht mindestens eine ähnliche Qualitfikation erwirbt wie man selbst. Drum wird auch jeder mit animalischem Instinkt gegen alles vorgehen was die Chance auf dieses Ziel schmälert. Ein Lehrer soll entscheiden ob mein Kind zum Gymnasium darf? Das ich nicht lache!
Vermutlich ist das des Pudels Kern, und die netten Studien für und wider eine Reform (reformiert wird in Hamburg seit Jahrzehnten permanent) sind nur Deckmäntelchen.