Gesellschaftskritik
Über Kachelmanns Umarmung
 | Heike Faller |
 | 05.02.2012 - 15:40 |
 | ZEITmagazin, 12.08.2010 Nr. 33 |
Der Konflikt im Fall Kachelmann trägt Spuren einer narzisstischen Gesellschaft: eine Person, die Beziehungen missbraucht und Nebendarsteller, die sich ausnutzen lassen
© AFP / Getty Images
Der öffentliche Fall: die Diskussion um den TV-Moderator Jörg Kachelmann
Der Fall O. J. Simpson wurde zum größten Prozess aller Zeiten, weil dabei ein gesellschaftlicher Großkonflikt verhandelt wurde: die Tatsache nämlich, dass die eine Hälfte Amerikas in dem ehemaligen Football-Star einen Mörder sah – während die andere Hälfte des Landes sich vorstellen konnte, dass er das Opfer einer Polizeiverschwörung geworden war. Den Schwarzen bestätigte der Fall ihre Erfahrungen mit einem rassistischen System, den Weißen ihre Angst vor schwarzen Männern. Es waren die amerikanischen Rassenprobleme der neunziger Jahre, die aus einem prominenten Mordfall einen Jahrhundertprozess machten.
Sieht so aus, als könnte der Fall Kachelmann ein solches Justizevent für Deutschland werden. Was ist der Konflikt, der ihn befeuert? Erstaunlicherweise ist es nicht der Vergewaltigungsvorwurf, denn die meisten Menschen können sich sowohl einen Racheakt der Frau als auch einen Ausraster Kachelmanns vorstellen.
Die Konfliktlinie verläuft interessanterweise entlang der Frauengeschichten: Die einen gruselt es vor den manipulativen Fähigkeiten dieses tapsigen, jovialen Ringelpulliträgers, den anderen graut vor der Erkenntnis, mit wie wenig sich Frauen zufriedengeben, solange ein Mann nur wohlhabend, berühmt und ein bisschen selbstironisch ist. Dabei wirkt er offensichtlich nicht nur auf Frauen: »Hauptreiniger René« ist für Kachelmann, wie er behauptet, im Gefängnis zu einem Freund geworden. Und sein Stockwerksbeamter strahlte richtig, als Kachelmann ihn zum Abschied umarmte. Klar: netter Typ. Hat selbst in der schlimmsten Phase seines Lebens immer noch diesen unerklärlichen Schein von Glück im Gesicht. Landet immer auf den Füßen, kommt mit allen zurecht. Hat ein offenes Ohr für Mörder und Erpresser. Putzt sogar das Klo. Kennt keinen Dünkel. (Und kein Feingefühl: Bei seinen neuen Freunden vom Vollzugsdienst kam es bestimmt nicht gut an, dass er an seinem zweiten Tag in Freiheit die hygienischen Zustände in der JVA mit Nordkorea verglich.)
Es ist das nicht gerade brandneue Drama der narzisstischen Gesellschaft, das den Fall so faszinierend werden lässt: eine Person, die Beziehungen missbraucht; ein paar Nebendarsteller, die oberflächlich genug sind, sich für ein bisschen Zuckerwatte ausnutzen zu lassen. Was unsympathischer ist, darüber werden wir vermutlich noch streiten, wenn Blumenkohlwolken den ersten Schnee bringen.
LESER-KOMMENTARE
Lumpenhund am 12.08.2010 um 8:02 Uhr
1. Aha....
Dingele am 12.08.2010 um 8:25 Uhr
2. Oder..
Was will uns die Autorin damit sagen?