Schuldenkrise

Unsere schrecklich nette Familie

AutorJan Ross
Datum02.02.2012 - 21:02
QuelleDIE ZEIT, 24.11.2011 Nr. 48

Warum wir keine Angst vor der Atombombe der Franzosen haben: In Europa herrscht eine historisch beispiellose Kultur der Solidarität. Sie in der Krise zu verteidigen, lohnt jede Anstrengung.

Alles scheint im Moment möglich in Europa: Kollaps oder Durchbruch, Dekadenz oder Renaissance. Die einen reden vom Zerfall des Euro, die anderen von einem ganz neuen Grad an Integration. Kommt jetzt das Ende der Solidarität – oder im Gegenteil ihre beispiellose Ausweitung durch Euro-Bonds oder unbegrenzte Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank? Nie waren wir einer europäischen Innenpolitik so nahe; die neuen Regierungen in Spanien, Italien oder Griechenland werden für die Deutschen unendlich wichtiger sein als die neue Große Koalition im Land Berlin. Zugleich bringt die ungewohnte Nähe Gift und Gefahr hervor: das tapsig auftrumpfende Gerede à la Volker Kauder von Deutschlands Dominanz, die gereizt-aggressiven Reaktionen in London. Man spürt, dass Europa an einer Schwelle steht, an einem Wendepunkt. Es ist der Augenblick, um nach dem Sinn der Sache zu fragen, danach, was die Europäer mit diesem Europa eigentlich in die Hand gelegt bekommen haben. In irgendeiner Form, die sich noch genauer herauskristallisieren wird, eines Tages womöglich in der Gestalt eines Referendums, steht Europa in diesen Monaten und Wochen zur Wahl. Warum mit Ja stimmen?
Es hilft, dazu einen Schritt zurückzutreten, vielleicht sogar ein paar Tausend Kilometer. Die Szene spielt in einem Coffeeshop in der pakistanischen Stadt Lahore. Der deutsche Besucher hat lange genug Fragen zu Pakistan gestellt, jetzt ist sein Gesprächspartner dran, mit Fragen zu Deutschland. Eine beschäftigt ihn besonders. Die Deutschen sind doch berühmt als Ingenieure? Ja. Dann können sie sicher auch tolle Waffen bauen? Ja, wird wohl so sein. »Aber warum habt ihr dann keine Atombombe? Die Briten und die Franzosen haben sie doch. Wie ertragt ihr es, dass die anderen die Bombe haben, ihr aber nicht?«
Der sich danach erkundigte, war kein Militär und kein langbärtiger Islamfanatiker, sondern ein ausgezeichnet englisch sprechender Geschäftsmann. Aber in der Welt, in der er lebte, wirkte komplett fantastisch, was er nun hörte: dass eine eigene Atomrüstung in Deutschland überhaupt kein Thema ist; dass wir uns von den Waffen der anderen nicht bedroht, sondern mitgeschützt fühlen; dass ganz Europa in einen Aggregatzustand übergegangen ist, in dem Staaten nicht mehr ganz so staatlich und Nationen nicht mehr richtig national sind.
Der nuklear bewaffnete Nachbar, das ist für einen Pakistaner der Erzfeind Indien. Für uns ist es Frankreich, und seine Nuklearwaffen sind uns vollkommen egal. Wir machen uns nicht über seine Rüstung Gedanken, sondern über sein Kredit-Rating, und wir haben nicht Angst davor, dass dieses Rating zu gut, sondern dass es zu schlecht werden könnte. Die Schicksale von Staaten in Europa sind einmalig eng verknüpft, aber genau andersherum als in der klassischen Macht- und Geopolitik: Man profitiert von der Stärke des anderen und leidet unter seiner Schwäche. Das stellt Jahrhunderte historischer Erfahrung auf den Kopf. Für neunzig Prozent der Menschheit sind solche politischen Lebensbedingungen unvorstellbar. Gerade hat Barack Obama die Stationierung von US-Soldaten in Australien angekündigt, als Widerlager gegen den Aufstieg Chinas. In Asien existiert noch die alte Welt mit ihren Großmachtkonkurrenzen, Expansionsgelüsten und wackligen Gleichgewichten. Der weltpolitische Ur- und Naturzustand im Gegensatz zu Europas hypermoderner Zivilisiertheit.
Diese europäische Zivilisiertheit hat ihre Schwächen: die Unfähigkeit zum Militärischen; die Fantasielosigkeit, mit der das Paradies von seinen Bewohnern für den Normalzustand gehalten wird, sodass man sich in die »Wilden« im dschungelhaften politischen Überlebenskampf (Amerikaner, Israelis und so fort) überhaupt nicht mehr hineinzuversetzen vermag. Aber im Kern ist es eine ungeheure, kostbare Errungenschaft, ein spektakuläres Experiment: Kann man mit weniger Machotum als früher und anderswo, mit weniger Aufwand an Stolz und Ehre Politik und sogar Geschichte machen? Das ist die Wette, die die Europäer laufen haben, und von ihrem Ausgang hängt viel ab – nicht nur für den Kontinent, sondern auch für eine zusammenwachsende Welt, die sich die alte, hochtourige, energieaufwendige Politik im Grunde nicht mehr leisten kann. Was sind denn die Alternativen? Das ewige Weiter-so der nationalen Machtpolitik, wie zwischen Pakistan und Indien oder bei den pazifischen Strategiespielen? Der Imperialismus, wie ihn George W. Bush ausprobiert hat, bis er nicht mehr funktionierte?
Die postheroische, hormonell abgerüstete Politik, die die Europäer in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt und der sie in der EU Gestalt gegeben haben, ist viel mehr als bloß eine Konsequenz aus ihrer kriegerischen Vergangenheit und damit eine abgeschlossene Sache. Sie ist eine gemeinschaftliche Lebensform, eine Art des Umgangs unter Staaten und Völkern, die in der Krise auf neues Terrain ausgedehnt werden muss: auf das Feld des Wirtschaftens und Haushaltens. Es gibt für diese hochgradig avantgardistische politische Lebensform ein scheinbar biederes und sentimentales, gewissermaßen helmutkohlhaftes, in Wirklichkeit aber sehr präzises Bild: Europa ist eine Familie.
Familie heißt: Es besteht hier eine naturwüchsige Solidarität, die auch durch schweres Fehlverhalten nicht außer Kraft gesetzt wird. Keine Misswirtschaft kann aus den Griechen Fremde machen, die auf Unterstützung nur noch wie ein beliebiges Entwicklungsland Anspruch hätten. Eine berühmte Maxime der Außenpolitik lautet: Staaten haben keine dauerhaften Freunde, nur dauerhafte Interessen – in Europa gilt sie nicht.
Allerdings hat jede Familie ihre eigene Methode, moralischen Druck auf schwarze Schafe auszuüben und etwa dem trunksüchtigen Vetter zwar nicht die Verbundenheit aufzukündigen, aber ihn doch zu einer Entziehungskur zu zwingen. Solidarität und Disziplin sind Kehrseiten derselben verpflichtenden Zusammengehörigkeit, und diese durchaus strenge Logik versucht die EU gerade im Umgang mit ihren Schuldensündern durchzusetzen. Auch ist es nicht angenehm, von Verwandten abhängig zu sein, es kann sogar viel unangenehmer sein als die Abhängigkeit von einer Bank. Die eigentümliche Mischung aus Gemütlichkeit und Brutalität, mit der Nicolas Sarkozy und Angela Merkel auf dem Gipfel von Cannes die Regierungschefs von Defizitstaaten ins Gebet nahmen, trägt unverkennbar familiäre Züge, und dieser Art von tough love möchte niemand gern ausgesetzt sein.
Mit dem Familienmodell ist daher noch etwas anderes verbunden; man könnte es das Ende der Diplomatie nennen. Familie ist eine Zone relativer Formlosigkeit: Man macht wenig höfliche Umstände im Gespräch und im Verhalten. Diese Direktheit prägt zunehmend auch den Umgang in Europa. So unerfreulich, teils abstoßend die hin- und herfliegenden Schimpfereien über faule Südländer, egoistische Briten oder herrschsüchtige Deutsche auch sind, so sehr sind sie zugleich der Ausdruck einer neuen Intimität: negativer, paradoxer Ausdruck, aber Ausdruck gleichwohl. Der eine regiert beim anderen längst mit hinein, hat die Hand in der Staatskasse oder den Fuß auf der Bremse – wie soll man da noch so tun, als sei man im Frack auf dem abendlichen Ball beim Wiener Kongress? Es steckt ein hohes Verletzungspotential in der Beziehungsdichte, die dem Kontinent jetzt von der Krise aufgezwungen wird. Die Europäer treffen untereinander den richtigen Ton noch nicht, und wenn sie es falsch anstellen, werden sie einander nach diesem großen gemeinschaftlichen Abenteuer nicht mehr ausstehen können. Aber das alles ist kein Rückfall ins 19. Jahrhundert, keine Wiederkehr irgendwelcher alter Dämonen aus der Weltkriegs- oder Vorweltkriegszeit, sondern das Knirschen, Zischen und Scheppern bei einem Zukunftsexperiment.
Das ist Europa: eine große, unfertige, kostbare, lebendige Angelegenheit. Es ist keineswegs aussichtslos, für »mehr Europa« Werbung zu machen, auch wenn das Opfer bedeutet – mühsame Reformanstrengungen der Schuldnerländer, unpopuläre Transfers der reichen Nordeuropäer und Deutschen. Doch muss man über diese Familie auch entsprechend reden: mit Sinn für ihre großen Traditionen und kleinen schmutzigen Geheimnisse, mit etwas Liebe und Humor. Die gängigen, offiziellen Europa-Begründungen und -Strategien arbeiten dagegen eher mit Angst oder Zwang, mit geschichtsphilosophischen Automatismen und welthistorischen Einschüchterungsszenarien.
Die eine Denkschule sieht in der bedrohlichen Lage der Europäischen Union eine Art selbsttätigen Einigungsbeschleuniger, der die törichten Vorbehalte der rückständigen Bevölkerungen beiseiteräumen und der überlegenen Vernunft der weitsichtigen Pro-Europäer zum Sieg verhelfen wird. Die Schulden und ihre Folgen entpuppen sich als hilfreiche List der Geschichte, nach dem Motto: Gott sei Dank für die Krise, jetzt können wir endlich drauflosintegrieren. Selbst ein besonnener Politiker wie Wolfgang Schäuble scheint manchmal so ähnlich zu denken, und die intellektuellen oder bürokratischen Euro-Enthusiasten tun es erst recht. Aber das ist abenteuerlich. Wer die Familie Europa unter der Diktatur des Sachzwangs zusammenschweißen will, wird sie zerstören. So stark kann gar kein Sachzwang sein, dass er vom unvermeidlichen Protest gegen ein solches Handstreich-Europa nicht über den Haufen geworfen wird.
Die europäische Familie ist auch kein Machtblock, keine Festung zur Selbstbehauptung in der globalisierten Welt. Das ist die andere verbreitete Europa-Begründung: dass die Europäer im 21. Jahrhundert, unter den Kolossalstaaten China, Indien oder USA, nur gemeinsam Herren ihres Schicksals bleiben werden. Es spricht vieles dafür, dass das stimmt. Aber es liegt auch eine Gefahr in diesem Argument, eine Tendenz zum Grimmigen und Einförmigen, zu einer anachronistischen Geopolitik, die unter den Großräumen der Erde, auf globaler Ebene, ausgerechnet jene Verhältnisse und Machtmanöver wiederherstellen will, die die Europäer auf ihrem eigenen Kontinent glücklich losgeworden sind. Dass sie weiterhin in einer gefährlichen, von Kämpfen und Interessen beherrschten Welt existieren und agieren muss, ist für ein postmodernes Gebilde wie die EU eine notwendige Erinnerung. Ihr eigentlicher, sinnstiftender, lebenspendender Daseinszweck kann es nicht sein. Und wer weiß eigentlich, ob die Staatsgiganten, an denen Europa sich orientieren soll, so glänzend durch das 21. Jahrhundert kommen werden, dass dieser Maßstab sich am Ende als klug gewählt erweist?
In Wahrheit taugt weder das eine noch das andere, weder die immer perfektere Integration noch die Kraftentfaltung auf der Weltbühne, als Ziel des europäischen Projekts. Der britische Essayist Timothy Garton Ash hat es einmal in befreiender Einfachheit gesagt: »Einheit, ob national oder kontinental, ist kein Selbstzweck, sondern bloß Mittel zu höheren Zwecken. Macht auch. Die EU braucht bessere Fähigkeiten, ihre Macht einzusetzen, vor allem in der Außenpolitik, um unsere Interessen zu schützen und den einen oder anderen guten Zweck zu verfolgen. Aber europäische Macht, eine »Großmacht Europa«, für einen Selbstzweck zu halten oder für erstrebenswert, einfach nur, um mit der Macht der USA gleichzuziehen – das ist nicht europäischer Patriotismus, sondern Euro-Nationalismus.« Europa ist nicht für das Europäisch-Sein da, sondern für Freiheit, Frieden, Recht und Wohlstand, für Diversität und Solidarität. Und idealerweise verwirklicht es das alles nicht nur im Innern, sondern trägt es auch nach außen, so weit seine Kräfte eben reichen. Als eine Familie, die weiß, dass sie nicht allein auf der Welt lebt, sondern als Teil einer größeren Menschheitsfamilie.
Der Erfolg der EU und ihrer politischen Philosophie ist mitnichten gesichert. Im Gegenteil: Die Gefahren und Gegenkräfte sind so stark wie seit Jahrzehnten nicht. Doch etwas Besonderes ist das europäische Projekt – ein historischer und globaler Sonderfall, vielleicht auch ein Modell. Aus einem Coffeeshop in Lahore jedenfalls, von einem gespaltenen, waffenstarrenden Subkontinent, wo Männer noch Männer sind und Bomben noch Bomben, schaut man mit ungläubigem Staunen auf dieses Europa. Aber mit ein wenig Neugier und Sehnsucht auch.
LESER-KOMMENTARE
joG am 27.11.2011 um 15:17 Uhr
1. Zumindest verbalisieren die Europäer gern....

...und oft ihre Solidarität. Die deutsche Position offiziell wie in den Medien vor der Krise sprach dem entgegen. Das Verhalten während der Krise straft der Behauptung Lüge.

Anne Bonny am 27.11.2011 um 15:20 Uhr
2. Ich kann die Propaganda nicht mehr lesen!

Die Menschen wollen in ihrer absoluten Mehrheit die nationale Souveränität nicht an eine Eurokrake abgeben.
Für eine gemeinsame Fiskal- und sonstige Politik sind die Völker mental und traditionell auch viel zu unterschiedlich.
Im Übrigen ist der Euro nicht Europa!
Von dieser Währung profitieren nur die Spekulanten.