Parlamentswahl in Russland
Auf Russisch wählen
 | Julian Hans |
 | 14.05.2012 - 17:23 |
 | DIE ZEIT, 15.12.2011 Nr. 51 |
Unis gingen für Putin auf Stimmenfang, berichtet ein Student
Christopher Forst: In meinem Wohnheim wurde ein Wahllokal eingerichtet, die Urnen standen auf dem Flur, auf dem mein Zimmer liegt. Im Vorfeld wurde den Studenten eine Belohnung versprochen, wenn sie hier ihre Stimme abgeben.
ZEIT: Was für eine Belohnung?
Forst: Speicherkarten zum Beispiel und USB-Sticks für den Computer.
ZEIT: Und was war der Zweck der Aktion?
Forst: Die Uni hat sich wohl ein besonders gutes Ergebnis für Putins Partei Einiges Russland erhofft. Deshalb gab es auch den Versuch, nicht geheim abstimmen zu lassen, sondern offen.
ZEIT: Das verstößt gegen die Verfassung.
Forst: Die Studenten haben sich massiv dagegen gewehrt. Dem Jahrgangssprecher auf meinem Flur wurde sogar vorübergehend sein Wohnheimplatz entzogen, weil er gegen die offene Abstimmung protestiert und sich für eine oppositionelle Partei engagiert hat. Aber am Ende war der Widerstand erfolgreich.
ZEIT: Haben auch Professoren versucht, die Studenten zu beeinflussen?
Forst: Viele Professoren sind hier selbst kritisch gegenüber dem Kreml eingestellt. Zwei von ihnen haben in ihrem Blog Studenten und Mitarbeiter der Uni aufgerufen, sich nicht unter Druck setzen zu lassen, geheim abzustimmen und dabei nur ihrem Gewissen zu folgen. Danach hat der Rektor sie einbestellt und zwei Stunden lang in die Mangel genommen. Einer sprach hinterher von Gehirnwäsche.
ZEIT: Welches Interesse sollte die Unileitung daran haben, das Wahlergebnis zu beeinflussen?
Forst: Was genau der Uni für ein gutes Ergebnis versprochen wurde, darüber gibt es nur Spekulationen. Aber es gibt in Wolgograd noch eine andere Hochschule, die
Pädagogische Uni. Dort hatte Einiges Russland bei den letzten Wahlen besonders gut abgeschnitten. Vor Kurzem konnte die Hochschule ihre neue Schwimmhalle eröffnen – ein Geschenk der Partei, das steht auch draußen groß dran. Jetzt heißt es, unsere Uni hätte auch gern eine Schwimmhalle und ein neues Wohnheim gehabt.
ZEIT: Und reicht das Ergebnis dafür?
Forst: In unserem Wahllokal hat Einiges Russland weniger Stimmen bekommen als im Landesdurchschnitt. Da wird sich die Partei wohl nicht erkenntlich zeigen. Aber einige Studenten, die gewählt haben, haben tatsächlich Speicherkarten bekommen.
ZEIT: Wir hätten auch gern mit Ihren russischen Kommilitonen gesprochen. Warum war das nicht möglich?
Forst: Hier werden für das Betragen im Wohnheim Punkte vergeben, die in das Studienergebnis eingehen. Normalerweise geht es um Dinge wie Sauberkeit und Pünktlichkeit. Aber die Studenten fürchten natürlich, dass sie für kritische Äußerungen über die Uni bestraft werden. Erst recht, nachdem unser Jahrgangssprecher fast rausgeflogen ist.
Forst: Hier in Wolgograd haben rund Tausend Menschen demonstriert, auch einige Studenten. Man spürt, dass sich die Stimmung stark gewandelt hat: Vor der Wahl wurde wenig über Politik gesprochen, jetzt redet kaum noch jemand von etwas anderem.