Autoklassiker

BMWs Revoluzzer

AutorSebastian Viehmann
Datum26.04.2012 - 10:03
QuelleZEIT ONLINE

Vor 40 Jahren brachte BMW die 5er-Reihe auf den Markt: ein erfolgreicher Versuch, sich ein neues Image zu geben. Unser Autor unternimmt eine Spritztour im golfgelben 528.

"Verehrte gnädige Frau, sehr geehrter BMW Freund!" Ein wenig verkrampft wirkt die Begrüßung in der Betriebsanleitung des BMW 528, im Versuch, politisch korrekt zu sein. Schließlich befinden wir uns in den 1970er Jahren. Die Frauen haben begonnen, sich zu emanzipieren, und die Männerwelt eiert etwas hilflos zwischen anbiederndem Softie-Getue und lässigem Macho-Gehabe hin und her.
Auch der erste 5er BMW hat ein bisschen von beidem. Groß und komfortabel ist er, familientauglich und nicht so hart wie die flotten Renner der 02er Reihe. Aber die Motorisierung ist dennoch ein Signal für sportliche Fahrfreude: Angetrieben wird der BMW 528 von einem Sechszylinder mit 2.788 Kubikzentimetern Hubraum und einer Leistung von 165 PS. Im August 1976 stockt BMW auf 170 PS auf – aber mit dem Vergasermotor ist er noch etwas weniger spritzig als der 176 PS starke 528i, den die Münchener ein Jahr später anbieten.
Es geht auf eine Zeitreise mit dem golfgelben 528 aus dem BMW-Museum. Schlaghose und Batikhemd sitzen hauteng an, die getönte Sonnenbrille bedeckt gefühlte 80 Prozent des Gesichts. Ein Druck aufs Gaspedal, und der Reihen-Sechszylinder schiebt die 1,4 Tonnen Auto mit Nachdruck an. Der Motor brüllt kräftig. Man muss das Radio lauter drehen, damit "Michaeeelaaa" von Bata Illic voll zur Geltung kommt.
Suche nach einem neuen Image
Die Limousine legt sich ordentlich in jede Kurve, geht dabei spürbar in die Knie. Ein reinrassiger Sportwagen ist der erste 5er nicht, aber kaum eine Mittelklasse-Limousine verbindet zu seiner Zeit Reisetauglichkeit so gut mit Fahrspaß wie der elegante BMW. Diese Kombination schätzen fast 700.000 Käufer zwischen 1972 und 1981. Sie legen den Grundstein dafür, dass der 5er in den folgenden Generationen zu einem der beliebtesten Dienstwagen für schnelle Handlungsreisende wird.
Der damalige Designchef von BMW, der Franzose Paul Bracq, hatte dem Wagen klare, fast nüchterne Linien gezeichnet. Seine Konkurrenten waren der Audi 100 und die heute als "Strich-Acht" bekannten Mercedes-Baureihen W 114/W 115. Vor allem der Benz konnte den kantig-eleganten Linien des 5er BMW nur ein altbackenes Gelsenkirchener Barock auf Rädern entgegensetzen.
Mit dem 5er, der im Olympiajahr 1972 auf den Markt kam, versuchte BMW, ein neues Image zu schaffen. Komfort und Raumangebot rückten stärker in den Mittelpunkt, ohne die Freude am Fahren zu vergessen. Der bayerische Autohersteller wollte Mercedes überflügeln, was bislang allenfalls beim Fahrspaß gelungen war und keineswegs im Hinblick auf Image oder Qualität. Im Prospekt zum 5er sprach BMW vollmundig vom "Schritt in die automobile Sonderklasse", und eine Zeitschriftenwerbung verhieß, "der 5er fährt dem Standard voraus", denn: "Nur das bessere Automobil ermöglicht den besseren Fahrer".
Zunächst sorgten solche Sprüche in Sindelfingen nicht für Panik. Doch der 5er kam beim Publikum an. Im Vergleich zum etablierten Daimler war BMW die jüngere, hippere Marke. Die Vorliebe des RAF-Terroristen Andreas Baader für schnelle BMWs brachte ein gewisses Revoluzzer-Image. Manche BMW-Fahrer klebten sich den Sticker "Ich gehöre nicht zur Baader-Meinhof-Gruppe" aufs Auto, weil sie das Gefühl hatten, öfter als andere bei Polizeikontrollen herausgewunken zu werden. Die Marketing-Strategen von BMW spielten sogar mit diesem Bad-Guy-Image: "Die Revolution von oben" titelte 1973 eine Anzeige für den 525: "Er sprengt die bestehende Klassenordnung."
Dem stand allerdings der Preis der Münchener Limousine entgegen. Bei 14.490 D-Mark ging es 1972 mit dem 115 PS starken 520 los. Der ab 1975 erhältliche 528 kostete satte 22.530 Mark. Viel Fahrspaß boten die Einspritzer-Modelle 520i (125 PS) und 528i (176 bis 184 PS) – letzterer brauchte für den Spurt vom Stand auf 100 Stundenkilometer neun Sekunden und erreichte ein Höchsttempo von 210 km/h. Stärkstes Modell war der M 535i mit einem 218-PS-Sechszylinder, der Vorläufer des ersten M5.
Wer sich heute einen originalen 5er BMW der ersten Serie anschaffen möchte, muss lange suchen. Zwar ist das Preisniveau relativ niedrig und die Nachfrage nicht groß, aber auch das Angebot ist dünn. Ähnlich wie für die Limousinen der Oberklasse-Serie E3 gilt: Viele der schlecht vor Rost geschützten Autos haben die siebziger Jahre nicht überlebt. Gerade 1.500 Exemplare sollen noch auf deutschen Straßen fahren.
LESER-KOMMENTARE
Amanda_S am 20.02.2012 um 11:47 Uhr
1. und heute?

... heute werden die schicken Karossen auf dem Rücken von sau-billigen Leih- und Zeitarbeitern mit Jahresvertägen produziert und dafür horrende Dividenten an Aktionäre ausgezahlt. Und es wird weiter an der Lohnschraube nach unten gedreht, damit sich Vorstand und Aufsichtsrat noch mehr Prämien nehmen können, trotz Rekordgewinnen in den letzten Jahren! Fragen Sie mal in Ihrer BMW-Niederlassung nach, ob ein gelernter KFZ-Mechaniker bzw. Mechatroniker mit Festanstellung Ihr Fahrzeug repaiert hat oder ob es nicht ein armer angelernter Mahler oder Fleischermeister war mit Leihvertag?!

Bucklige Welt am 20.02.2012 um 11:55 Uhr
2. Lifestyle im Rückblick

Angemessene Würdigung zum vierzigsten Geburtstag. Mit Schlaghosen und Batik-Hemd wäre man allerdings sofort von der Polizei herausgewunken worden. Die berechtigte Frage wäre gewesen: Was macht ein Hippie in einer teuren Familienlimousine?