Hacker
"Die Trüffelschweine der IT-Sicherheit"
 | Stefan Schmitt |
 | 03.02.2012 - 07:58 |
 | ZEIT ONLINE |
Technikphilosoph Klaus Kornwachs jagte einst Hacker, die in ein Uni-Rechenzentrum eingedrungen waren. Die Regelverstöße des Chaos Computer Clubs hält er aber für wichtig.
ZEIT ONLINE: Vor 30 Jahren entstand der Chaos Computer Club (CCC). Ein Grund zum Feiern auch für Leute, die selbst weder Hacker noch Computerfreaks sind?
Klaus Kornwachs: Ja – weil wir in einer so hoch vernetzten und von Rechen- und Kommunikationstechnik abhängigen Zivilisation Menschen brauchen, die unsere Erwartungen an Technologie auf ein vernünftiges Maß reduzieren können und ungerechtfertigte Versprechen über Sicherheit bloßstellen.
ZEIT ONLINE: Welche Menschen?
Kornwachs: Idealisten und Professionals, Computerfreaks, Sicherheitstester, Entlarver, Widerständler, Enthusiasten für Free Access und auch ein paar Verschwörungstheoretiker – der CCC verbindet in spontaner Weise fröhlichen Fortschrittsoptimismus mit gesundem Misstrauen. Seinen Späthippie-Charme hat er nicht eingebüßt. Dabei ist er ja inzwischen fast eine NGO und im Bereich des World Wide Web und der Computerwelt so wichtig wie Greenpeace, Amnesty International oder Attac.
ZEIT ONLINE: Erinnern Sie sich, wann Sie zum ersten Mal vom CCC gehört haben?
Kornwachs: Es war 1984 bei der Gründung des offiziellen Vereins. Aber gelernt, was Hacken ist, habe ich anderweitig. Da hatten sich Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter einen Spaß daraus gemacht, die Passwortliste der Nutzer eines Uni-Rechenzentrums zu knacken. Ich arbeitete damals am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart und wurde damit beauftragt, die Sache aufzudecken …
ZEIT ONLINE: An welcher Universität war das passiert?
Kornwachs: Das kann ich nicht sagen. Nur so viel: Für die Studenten blieb das ohne Folgen, weil es allen Verantwortlichen sehr peinlich war. Damals habe ich mir die Hacker als Leute vorgestellt, die jedes Bit im Betriebssystem noch persönlich kennen, denen der Einbruch in fremde Systeme Spaß macht – und die dabei zuweilen Allmachtsgefühle entwickeln. Das hatte alles auch eine spätpubertäre Note, die Protestkultur der wilden Siebziger schwappte da noch mit rüber.
ZEIT ONLINE: Klingt ganz sympathisch…
Kornwachs: Man muss das immer vor dem Hintergrund der jeweiligen Zeit sehen. Ich hatte mir als 14-Jähriger einfach mit einem alten Telefonapparat vom Geschäftsanschluss meines Vaters eine Leitung auf meine Bude gelegt. Das war 1961/62, und so etwas war streng verboten. Irgendwann kam die Post mir auf die Schliche und hat meinen Apparat beschlagnahmt. Es galt das öffentliche Fernmeldemonopol. In den achtziger Jahren hatten wir dann im Institut Spaß damit, die Vertreter der Bundespost zu ärgern. Die waren immer so unflexibel! Etwa bei der Frage, ob ein Ethernet-Kabel auf ein benachbartes Grundstück verlegt werden dürfe – was ja noch die Hoheitsrechte der Post berührte.
ZEIT ONLINE: Das Westdeutschland der achtziger Jahre war also technisch total vermufft?
Kornwachs: Man unterstellt für die Periode von 1970 bis 1985 den Deutschen eine grundsätzliche Technikfeindlichkeit. In demoskopischen Metastudien ist davon aber ab Mitte der achtziger Jahre praktisch nichts mehr nachweisbar. Der Protest gegen Kernkraftwerke ist etwas völlig anderes als die Begeisterung für Computer und technologische Basteleien – er hat aber diese Technikbegeisterung in der öffentlichen und medialen Wahrnehmung total überdeckt. Dabei war das ja auch die Zeit der ersten Personalcomputer, etwa von Apple oder Commodore, und neuer Konzepte für den Arbeitsalltag: ins betriebliche Netz integrierte Arbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten, Telearbeit.
ZEIT ONLINE: Modern, sauber, effizient sollte diese neue Arbeitswelt sein – und supersicher. Dann kamen die Chaoten daher und zeigten mit ihrem berühmten BTX-Hack: Pustekuchen!
Kornwachs: Der CCC hat recht schnell den neuralgischen Punkt beim Verhältnis unserer Gesellschaft zur Technik getroffen – die Sicherheit. Er war selbst innovativ tätig, destruktiv wie konstruktiv. Er hat, wie die Grünen, durch begrenzte Regelverstöße die richtigen Fragen gestellt, nach dem Motto: "Störungen befördern die Entwicklung". Und plötzlich zeigte sich: Es ist doch ganz gut, jemanden zu haben, der kein Dieb ist, aber so tut als ob – und mir zeigt, ob meine Tür nun sicher ist oder nicht.
ZEIT ONLINE: Hat sich dessen Rolle in der Gegenwart verändert?
Kornwachs: Mittlerweile ist der CCC ja auf Gutachterebene ausgesprochen geschätzt – sie sind die Trüffelschweine der IT-Sicherheit geworden. Die lauten Tabubrüche übernehmen jetzt Wikileaks und andere.
ZEIT ONLINE: Der Begriff des Hackers ist derzeit überwältigend negativ belegt. Können Sie als Technikphilosoph ihm etwas Positives abgewinnen?
Kornwachs: Der Hacker als Krimineller, der fremde Datenbestände unrechtmäßig verwerten will, ist etwas anderes als der Hacker, der unaufgefordert und ohne Auftrag nach Sicherheitslücken sucht. Seine begrenzten Regelverstöße sind nicht kriminell, denn sie dienen nicht dem eigenen wirtschaftlichen Vorteil. Wenn wir die zwei klassischen Fragen der Technikphilosophie stellen – erstens: Haben wir die Technik , die wir brauchen? Und zweitens: Brauchen wird die Technik, die wir haben? – dann trägt der gute Hacker zur Aufklärung dieser Fragen bei.
ZEIT ONLINE: Zeigt er der Gesellschaft Lücken in ihrem Wissenskanon auf?
Kornwachs: Ja schon, aber hier geht es nicht um breite Allgemeinbildung. Die Hacker des CCC verfügen über ein ganz bestimmtes Spezialwissen auf den Feldern Datenschutz, Zugang und IT-Sicherheit, auf denen wir anderen lange blinde Flecken hatten. Wenn es den CCC nicht gäbe, müsste man ihn gründen.
LESER-KOMMENTARE
Mailer am 13.09.2011 um 16:09 Uhr
1. Okay, wir haben verstanden ...
Das ZEIT DIGITAL Team liebt den CCC und feuert zum Anlaß des Geburtstages einen Lobgesang nach dem anderen ab. In Ordnung, aber nun ist doch gut, oder? Wir haben es verstanden.
w.jaschke am 13.09.2011 um 16:39 Uhr
2. Ja die Post und ihre Hoheitsrechte..
Die z.B. dafür gesorgt hatten, das die ersten IT-Kommunikationsversuche unerschwinglich oder illegal waren. Und die mit Rollkommandos in Haushalte eindrangen um das bisschen IT-Nachwuchs mit Stumpf und Stil auszurotten. Helden wie diesen haben wir es vermutlich zu verdanken das die BRD ca. ein Jahrzehnt hinterher hinkte und vielleicht sogar das die DENIC ihren Sitz in den USA hat. Man sollte sie aus ihrem Ruhestand holen um sie zu feuern!