Protest

Der Marsch der Schlampen

AutorFrida Thurm
Datum03.02.2012 - 12:15
QuelleZEIT ONLINE

Die Botschaft des "Slutwalks": Ein kurzer Rock ist keine Einladung zur Vergewaltigung, sagt Organisatorin Anne Wizorek. Am Samstag wird in deutschen Städten demonstriert.

ZEIT ONLINE: Den Slutwalk könnte man mit "Marsch der Schlampen" übersetzen. Klingt verrückt, wenn es um Frauenrechte gehen soll.
Anne Wizorek: Ja, aber es war total clever, einen derart provokanten Titel zu wählen. Wenn wir die Veranstaltung "Demo für Frauenrechte" nennen würden, hätten wir diese Aufmerksamkeit nicht bekommen.
ZEIT ONLINE: An diesem Samstag finden Slutwalks in vielen Deutschen Städten statt, es gab ihn schon in Kanada, USA und auch in Europa. Worum geht es bei dem Protest?
CC BY 2.0 Man Alive/Flickr
slutwalk
Eine Teilnehmerin eines Slutwalks in Manchester
Wizorek: Den ersten Slutwalk hat es in Toronto gegeben. Dort hatte ein Polizist Studentinnen geraten, sie sollten sich "nicht wie Schlampen" anziehen, um nicht zum Opfer sexueller Gewalt zu werden. Gegen solche Vergewaltigungsmythen protestieren wir. Aber auch gegen die tägliche Belästigung von Frauen, durch Bemerkungen, Hinterherpfeifen, oder durch Anfassen.
ZEIT ONLINE: Die Selbstbezeichnung als "Schlampen" kann aber auch Menschen davon abhalten, zum Slutwalk zu gehen.
Wizorek: Das stimmt, in Berlin war es für uns deshalb auch wichtig, dass es um mehr als den Schlampenbegriff geht. In Toronto ging es um das klassische "Reclaiming", das sich Aneignen eines Begriffs, wie es zum Beispiel auch bei "queer" passiert ist. Für uns steht der Schlampenbegriff im Titel symbolisch für alle Mechanismen, die es in der Gesellschaft gibt, um sexuelle Selbstbestimmung zu verhindern.
ZEIT ONLINE: Kann man die Situation in Kanada wirklich mit der in Deutschland vergleichen?
 Wizorek: Ja. Der Spruch "Die hat's ja nicht anders gewollt", ist auch bei uns immer noch verbreitet. Wenn diese Vergewaltigungsmythen – das Opfer habe Mitschuld – immer weiter reproduziert werden, dann führt das dazu, dass Betroffene sich nicht trauen, solche Taten anzuzeigen.
ZEIT ONLINE: Durch den Namen bekommt der Slutwalk viel Aufmerksamkeit. Geht dabei die Botschaft nicht unter? Ein Missverständnis ist, die Menschen auf dem Slutwalk demonstrierten für ihr "Recht auf Sexiness".
Wizorek: Das stimmt. Wir gehen aber nicht auf die Straße, weil wir unbedingt tiefe Ausschnitte tragen wollen, wir gehen auf die Straße, weil wir, selbst wenn wir tiefe Ausschnitte tragen, nicht doof angemacht werden wollen, und erst recht nicht die Schuld an sexuellen Übergriffen zugewiesen bekommen wollen. Die Gesellschaft lehrt immer noch: Lass dich nicht vergewaltigen, anstatt: Vergewaltige nicht!  Das ist falsch.
Klar, die Medien zeigen vor allem die Halbnackten auf den Slutwalks, und tun so, als gäbe es einen Dresscode. Aber ein Großteil der Leute kommt in Alltagsklamotten, denn auch darum geht es: Es ist eine Illusion, dass man, wenn man an irgendwelche Kleiderregeln hält, nicht vergewaltigt wird.
ZEIT ONLINE: Wie passt denn eine Spaßveranstaltung mit dem Thema Vergewaltigung zusammen?
Wizorek: Es ist immer noch eine politische Botschaft dahinter, wir sehen das nicht als reine Spaßveranstaltung. Aber es ist völlig in Ordnung, dass eine starke Gemeinschaft, wenn sie an diesem Tag zusammenkommt und gemeinsam protestiert, dabei auch Spaß hat. Feminismus darf auch Spaß machen!
ZEIT ONLINE: Wie reagieren denn die Menschen bisher auf den Slutwalk?
Wizorek: Mir schreiben Frauen E-Mails, die sich auf die Demo freuen, eine kommt mit ihrer 13-jährigen Tochter, eine mit ihrer 62-jährigen Mutter, ich finde das wunderbar. Wir bringen eine Debatte in den Mainstream, die dringend notwendig ist.
Wir stoßen natürlich auch auf Widerstand. Ich habe die Kommentare unter einem unserer Interviews gelesen, und da wurden die ganzen Vergewaltigungsmythen, gegen die wir uns wenden, wieder heruntergebetet. Da kann man manchmal schon etwas verzweifeln. Aber auf der anderen Seite merkt man, wie wichtig das ist, was wir machen.
 
LESER-KOMMENTARE
Punk-Crazy am 12.08.2011 um 13:08 Uhr
1. Weiter so!

Wird Zeit das unsere ach so tolle Zivilgesellschaft mal wieder merkt, dass es in ihrem Inneren weit am moralischen westlichen Idealen vorbeigeht.

Krauselitz am 12.08.2011 um 13:22 Uhr
2. Lasse laufen

--Das hat man auch in der Berichterstattung um die großen Vergewaltigungsprozesse gesehen. Strauss-Kahn, Assange, Kachelmann. Da wurden die Frauen schon vor den Urteilen als rachsüchtige Wesen dargestellt. Wenn diese Vergewaltigungsmythen – das Opfer habe Mitschuld – immer weiter reproduziert werden, dann führt das dazu, dass Betroffene sich nicht trauen, solche Taten anzuzeigen.--
Nur bestimmt nicht Frau Wizorek wer das Opfer ist. Das macht ein Gericht. Somit macht sie hier das gleiche was sie anprangert, nämlich voverurteilen oder im Fall Kachelmann nachtreten. Und wer "hinterherpfeifen" als Belästigung sieht- Mein Gott. [...]

Bitte bemühen Sie sich um sachliche Vergleiche. Danke. Die Redaktion/wg