Fußball-Songs

Die Hymnen der Frauen-WM

AutorVolker Schmidt
Datum03.02.2012 - 19:02
QuelleZEIT ONLINE

Vom Ballermann direkt in die Fankurve: Jede WM hat ihren Song. Auch die der Fußballerinnen. Volker Schmidt hat sich zwischen Aerobicpop und Elektroschrott umgehört.

Spätestens seit die bundesdeutsche Fußball-Nationalelf zur Weltmeisterschaft im eigenen Land 1974 die Single Fußball ist unser Leben einsang, hat jede WM ihre Hymne. Können die Lieder zur weiblichen Weltmeisterschaft mithalten mit den Klassikern des Genres? Schlager wie Olé España mit Michael Schanze dröhnen noch ebenso im Ohr wie Udo Jürgens' Buenos Dias, Argentina oder die Sportfreunde Stiller, die 2006 offenbar eine Postleitzahl nahe Trier besangen. Wie klingt die Frauen-WM 2011? Schaun mer mal.
Alexis Jordan: Happiness
Bei der Kür des offiziellen Fifa-Songs zur WM ging es so sauber zu wie bei der Auswahl Katars als Austragungsort der Männer-WM 2022. Die Wahl fiel auf eine Künstlerin des Labels Sony. Der Konzern ist seit 2007 zahlender "Partner" der Fifa. Alexis Jordan war schon mal in einem Halbfinale: dem der Singsendung America's Got Talent. Happiness, produziert vom Rihanna- und Katy-Perry-erfahrenen Team Stargate, sei ein "wunderschönes Lied", sagt die fußballerisch unerfahrene Alexis, "ich muss zugeben, die große Bedeutung dahinter kenne ich nicht". Es gibt auch keine: Happiness ist ein austauschbares Stück Plastikschrott, das Jordan am 17. Juli in Frankfurt bei der WM-Abschlussveranstaltung singen darf. Warum? It's a Sony.
 
Michael Mind Project feat. Sean Kingston: Ready Or Not
Austauschbarer Plastikschrott mit ein paar Megabyte extra und Stampfbeat drunter ergibt austauschbaren Dance-House-Schrott. Zum Beispiel den – kein Witz – offiziellen Song des Fifa-Frauen-WM-Maskottchens Karla Kick (angeblich eine Katze, tatsächlich ein Eichhörnchen aus der Gegend um Fukushima). Produziert hat ihn – für Sony, klar – das Michael Mind Project, ein Duo aus Aachen, das sonst mit Verunstaltungen etwa von Manfred Manns Blinded By The Light oder Gerry Raffertys Baker Street auf Kosten größerer Musiker Reibach macht. Singen darf Sean Kingston, der weitgehend unbeachtet blieb, bis er vor einigen Wochen mit dem Jet-Ski gegen einen Brückenpfeiler knallte.

Marta Jandová: Sister hit the goal
Der DFB macht's besser, bleibt textlich im Frauenfußball, hat sich eine Interpretin im eigenen Land gesucht und lässt sie fankurvenkompatibel Melodiöses von sich geben. Marta Jandová ist den Rock-Affineren bekannt als Sängerin der Band Die Happy aus Ulm, den Poppigeren aus der Jury der Casting-Show Popstars. Ihr Rezept für die WM ist überraschungsarm, aber wirksam: optimistische Zeilen, die das Phänomen "eine Mannschaft trifft das Tor häufiger als die andere" existenziell überhöhen ("dreams coming true"), Publikumsjubel und ein Video mit der Frauen-Nationalelf. "Das gefällt mir sehr gut, das passt zu uns", sagt Linda Bresonik (Mittelfeld).  
 
Melanie C: Rock Me
Das ZDF hat das Ex-Spice-Girl Melanie C angeheuert. Rock Me, verfasst von den Tokio-Hotel-Produzenten David Jost und Dave Roth, ist eine energiegeladene Tanznummer, und durchs Video rollen sekundenweise Bälle. Man erinnert sich, dass Frau Chisholm als Sporty Spice in jüngeren Tagen für die Akrobatik-Einlagen der Gewürzmädels zuständig war. Es heißt, sie spiele gern Fußball und habe ihr Label Red Girl nach der Farbe ihres Lieblingsvereins FC Liverpool benannt (warum ist das Video dann ausgerechnet in Manchester aufgenommen?). Ein wenig mieft Rock Me aber nach Umkleidekabine im prolligen Aerobic-Studio.

Frida Gold: Wovon sollen wir träumen
Zum Abschluss der ZDF-WM-Sendetage darf die Band Frida Gold die "Bilder des Tages" mit Wovon sollen wir träumen untermalen. Die Sängerin Alina Süggeler und ihre vier Jungs aus Hattingen im Ruhrgebiet sind mit ihrem Debüt Juwel dank Auftritten auf der Reeperbahn bei der Übertragung des Eurovision Song Contest in die Top 20 der deutschen Charts geklettert. So klingt denn auch Wovon sollen wir träumen: irgendwo zwischen Hamburger Schule und Ein Lied für Baku, zwischen Lisa Bassenge und Lena Meyer-Landrut. Fußballbezug? Null. Also genauso viel wie bei der ARD, die einfach mal Pinks F**kin Perfect zum WM-Song ernannt hat.

Miaomio: Fußballkönigin
Miaomio, eine Frauenband aus Bonn, reiht Fußball-Klischees zu einem originell unstringenten Songaufbau aneinander. Die Zeile "Wir sind wieder da und werden bleiben" hakt sich zwar im Hirn fest wie Ehec im Darm, aber auch das Lexikon des grünen Rasens wird minutiös abgearbeitet ("Pass und Schuss und Tor, La-Ola-Wellen, Wahnsinn / Wir stehen kurz davor und werden Fußballkönigin"), Chöre klingen, und bei so viel sprödem Charme singt man am Ende glatt "Wir schreien aus vollen Hälsen: Ladies vor, ihr seid unsre Helden!" schamfrei mit.

Sommermädchen: Wir werden wieder Weltmeisterin
Dank hervorragender Mitgrölqualitäten dürfte Wir werden wieder Weltmeisterin häufig durch die Kneipen hallen. Die Bochumer Studentinnen Emily und Carla Feuerstein, Lissi Pott und Annika Girulat haben die Sommermädchen zweckgebunden gegründet – wobei der Vater der Feuerstein-Schwestern, Ex-Strandjungs-Sänger Guntmar Feuerstein, als treibende Kraft gelten darf. Die schwarzrotgoldenen Gören tendieren auch in ihren bislang zwei anderen Liedern Grün ist das Gras und Das Runde muss ins Eckige schwer in Richtung Karneval.

Sportrock feat. Annike und Poppi: Fußballsommer
Wenn es denn einen offiziellen Song geben muss, dann bitte den von Sportrock. Erstens singen zwar nicht alle, aber immerhin zwei Nationalspielerinnen mit, Annike Krahn und Alexandra "Poppi" Popp, letztere mit erstaunlicher Stimmkraft. Zweitens eignet er sich mangels melodischer und textlicher Überkomplexitäten einigermaßen zum Fankurvengesang. Drittens ist er mit ordentlichem Gitarrenschmackes, Tribal-Trommeln und Olé-Olé-Chören ebenso saftig wie kompromissfähig gemischt. Und viertens ist das Feinripp-Video allerliebst.

Luisa Skrabic: 2011 – Weltmeister und andere Schmankerln

Luisa Skrabic rührte am 19. Mai 2010 im Leverkusener Stadion beim Abschiedsspiel des Ex-Nationalspielers Bernd Schneider selbigen zu Tränen. Jetzt steht sie kurz vorm Abi und singt so Sachen wie "unser Glaube lebt" und ganz oft "werden Träume wieder wahr". Sie meint das ernst, allzu ernst.
In die Kategorie peinlich gehört auch Sigrun W. Heuser mit Endlich ist es soweit, einem ironiefreien "Härtetest, ein Riesenfest, ein Kick für die Nation". Dann lieber die Isartaler Hexen (2011 – Wir holen den Pokal), der in zwei mehr oder weniger politisch korrekten Fassungen zu sehende Song Schwestern, die Formation Liebesfräulein mit dem ballermannigen Spiel mit Stil oder die Piloten mit Unsere Frauen spielen Fußball. Und das waren noch lange nicht alle!
LESER-KOMMENTARE
adorenarin am 23.06.2011 um 9:56 Uhr
1. Logisch

Also wenn der Ball der Freund ist, der ihr die große Chance bringt und sie "happy" macht, dann passt Alexis' Song natürlich super zur WM. Ansonsten... Aber vergessen wir das lieber ganz schnell...

Ich finde den laienhaften Charme der letzteren Beiträge deutlich entzückender. Vielleicht (hoffentlich) hört man davon die nächsten Tage was mehr!

kannnichtsein am 23.06.2011 um 11:31 Uhr
2. 54749

was war das?

ein weiteres kapitel in der serie "wie stelle ich absurde zusammenhänge her"?

nicht nur dass es gar keine stadt mit dieser postleitzahl gibt: selbst wenn man weiß dass die postleitzahlen um trier herum mit 54 beginnen dauert es lange bis man drauf kommt was der autor hier gemeint haben könnte.....

lieber herr schmidt, nicht jeder gedanke lohnt aufgeschrieben zu werden....