Umstrittene Thesen
Der Provokateur gehört in die Politik
 | Antje Sirletschtov |
 | 05.02.2012 - 13:04 |
 | Tagesspiegel |
Die Thesen des Bundesbankers über Migration und Vererbung sind krude. Ausschließen sollte die SPD Thilo Sarrazin dennoch nicht.
Im Berliner Stadtbezirk Wedding mussten in diesem Sommer Schulanfänger zum ersten Mal eine Deutschprüfung ablegen, um in eine erste Klasse aufgenommen zu werden. Bürgerliche deutsche Eltern hatten zuvor gedroht, die überwiegend von Kindern muslimischer Herkunft besuchte Schule zu boykottieren. Ist eine solche Prüfung nun notwendig, damit Einwanderer engagierter Deutsch lernen? Oder werden hier muslimische Kinder diskriminiert?
Es lohnt sich, über eine solche Frage heftig zu streiten. Genauso wie über all die anderen Versäumnisse und Aufgaben der Gesellschaft bei der Integration von Einwanderern und der Bildung ihrer Kinder.
Niemand sollte jedoch erwarten, dass diese Diskussion leicht ist. Vorurteile, Halbwissen und gnadenlose Provokation von allen Seiten werden genauso dazugehören, wie Erbstatistiken, aus denen mancher neuerdings ablesen können will, ob türkische oder russische Juden die Schlaueren sind. Willkommen im Einwanderungsland Deutschland – mit all den Verwerfungen und Ängsten, die überall auf der Welt die Gesellschaften beschweren, die sich öffnen.
Auch Thilo Sarrazin muss man unterstellen, dass er zunächst ernsthaft interessiert war, an dieser Debatte teilzunehmen. Er beschreibt in seinem Buch eine Realität, die viele Menschen herum genauso erleben. Sie alle zum offenen Streit darüber zu ermuntern, wie die kritikwürdigen Zustände verändert werden können, das ist ihm allerdings nicht gelungen. Ganz im Gegenteil. Sarrazin lädt mit seinen Thesen von der Nichtintegrationsfähigkeit und -willigkeit der Muslime niemanden zu einer Debatte ein. Er grenzt aus und schürt diffuse Vorurteile, wo Offenheit und Klarheit vonnöten wären. So ist aus dem selbst ernannten Provokateur an der Integrationsfront am Ende einer geworden, der sich selbst als ein in dieser gesellschaftlichen Debatte Integrationsunwilliger erweist.
Ihn deshalb aus der Sozialdemokratie auszusperren, ist trotzdem ein Fehler. Wo, wenn nicht in Parteien sind die Orte zu suchen, an denen Politik zuallererst stattfinden soll. Und was anderes ist Politik als die Beschreibung der Realität, um sie hernach zum Besseren zu verändern. Nichts Neues, dass der Weg dahin in allen demokratischen Parteien heftig erstritten werden muss.
Sarrazins Schlüsse aus Statistiken und Erbgutstudien mögen vielen Sozialdemokraten wirr vorkommen und für manchen die Züge volksverhetzender Thesen tragen. Ihm und allen, die ihm offen oder heimlich beipflichten, das in aller Deutlichkeit bewusst zu machen: Auch das ist Aufgabe von Parteien. Denn ist einer wie er erst im dämmrigen Abseits angekommen, gedeiht um ihn herum der giftige Pilz der Verhetzung besonders gut.
Ganz anders sieht es mit Sarrazins Zukunft an der Spitze der Bundesbank aus. Ihre Aufgabe ist unter anderem – nicht erst seit der Einführung des Euro – eine der europäischen Verständigung. Krude Erbtheorien stehen dazu im krassen Widerspruch und schüren Ressentiments in der Welt gegenüber dem Land. Ein Spitzenbeamter und Politiker wie Sarrazin muss das wissen und mit den Konsequenzen rechnen.
LESER-KOMMENTARE
guntha am 31.08.2010 um 8:30 Uhr
1. Niemand sollte jedoch erwarten, dass diese Diskussion leicht ist
Man kann die Diskussion auch absichtlich noch schwerer und undurchdringlicher machen, so wie Beckmann gestern bei "Beckmann". Zum Thema? Nein, Beckmann ist der Star!
"Beckmann" auf Twitter:
p0xer: #Beckmann kotzt mich an. Der verfälscht doch die ganze Diskussion.
chauffeurinbonn: RT @ellebil: Wenn sie Beckmann aus dem Studio entfernen würden, wäre es vielleicht besser.
LohmyDD: #Sarrazin bei Beckmann - alle sind erfreulich sachlich, ausser Beckmann
Lachgas: weiß wieder warum ich nie #beckmann schaue ... warum unterbricht der die gäste ständig bei interessanten punkten?
joeshoe: Ranga Yogeshwar ist kurz davor, einen interessanten Gedanken zuende zu führen, Beckmann, greif ein! #beckmann
RCDSSascha: Armselige Debatte im #ARD.#Beckmann sollte zumindest seinem Job nachkommen.#Sarrazins Thesen müssen widerlegt, nicht abgewürgt werden.
jofreund: #beckmann zermoderiert die ganze Sendung.
DennyRamone: #Beckmann inszeniert sich selbst. Das ist so schlecht.
christiansoeder: Was kann Beckmann überhaupt?
twitgeridoo: Uh. #Beckmann ist der grauenhafteste Moderator, den ich je erlebt habe! - Ranga #Yogeshwar for President! - Schwachmat #Sarrazin ignorieren.
glutamatberlin: @mofiz ist das nicht ein trauriges stück fernsehgeschichte? #beckmann #fail
joe_rulez am 31.08.2010 um 8:40 Uhr
2. Meinungsfreiheit für Querdenker!
Hallo!
Für die gesellschaftlichen Zustandsbeschreibungen die Herr Sarrazin und Frau Heisig gegeben haben, bin ich beiden dankbar.
Inwieweit mehr die "Gene" oder die "Erziehung" die Entwicklung eines Menschen beeinflussen ist in der Wissenschaft hochgradig umstritten. Es mag sein, dass sich Sarrazin hier irrt. Sicher ist, dass seine diesbezüglichen Ausführungen sprachlich nicht 100% geglückt sind. Trotzdem erinnerer ich mich irgendwo von einem hohen Gut mit dem Namen "Meinungsfreiheit" gelesen zu haben. Eine diesbezügliche Einschränkung für Bundesbanker und SPD-Mitglieder ist mir nicht bekannt.
Es ist Konsens, sogar bei Sarrazin, dass die Entwicklung des Menschen zuerst gefördert werden muss: z.B. durch Sprachunterricht usw. In vielen Fällen klappt das auch und das ist auch gut so.
Aber was ist mit denen die zu uns kommen und sich trotz aller Fördermassnahmen, Integrationsbeauftragten und Streetworker nicht integrieren wollen und statt dessen
die Kriminalitätsstatistik "bereichern"?
Ist es durch die Meinungsfreiheit gedeckt solchen Menschen deutlich klarzumachen, dass Öger-Tours in beide Richtungen fliegt?
Gruß,
Joe