Google

"Wir machen uns unabhängiger von Stromkonzernen"

AutorMarlies Uken
Datum05.02.2012 - 10:56
QuelleZEIT ONLINE

Der Suchmaschinen-Gigant investiert jährlich Millionen, um seine CO2-Emissionen zu reduzieren. Das sei mehr als nur geschicktes Marketing, sagt Energiechef Bill Weihl.

© Justin Sullivan/Getty Images
Google FIrmensitz
Seinen Mitarbeitern stellt der Suchmaschinen-Konzern Google auf dem Firmengelände Fahrräder bereit
ZEIT ONLINE: Herr Weihl, im Frühjahr grasten schon zum zweiten Mal gleich 200 Ziegen auf dem Google-Firmengelände und hielten so die Wiese kurz. Ziegen statt Rasenmäher, sieht so Ihre Nachhaltigkeitsstrategie aus?
Bill Weihl: Das ist wirklich nicht als Witz gemeint, auch wenn viele Leute darüber schmunzeln. Es ist weitaus nachhaltiger, wenn uns eine Herde Ziegen das Rasenmähen abnimmt als wenn wir benzingetriebene Rasenmäher einsetzen. Und so ungewöhnlich ist das nicht: Hier in Kalifornien machen das recht viele Firmen und teilweise sogar Regierungsbehörden.
ZEIT ONLINE: Die Aktion ist ein Mosaikstein in der Unternehmensstrategie, CO2-neutral zu werden . Wie weit sind Sie inzwischen?
Weihl: Das Ziel haben wir 2007 beschlossen und es in dem Jahr auch fast geschafft. Auch 2008 waren wir fast erfolgreich – allerdings vor allem wegen der Wirtschaftskrise. Für 2009 stehen endgültige Ergebnisse noch aus. Das Datensammeln und die Berechnungen unseres CO2-Fußabdrucks dauern eine Weile. Ebenso dauert es, gute Offset-Programme zu finden, mit denen wir unsere bislang unvermeidbaren Emissionen an anderer Stelle ausgleichen können.
ZEIT ONLINE: Das heißt, Google beteiligt sich in erster Linie nur an externen Klimaschutzprojekten, um so die CO2-Bilanz zu verbessern?
Weihl: Nein. Der wichtigste Baustein ist Energieeffizienz, da stecken wir viel Ehrgeiz hinein. Wir haben etwa durch geschickte Kühlungssysteme den Energieverbrauch unserer Datenzentren inzwischen um 50 Prozent reduziert. Sie gehören inzwischen zu den Strom sparendsten der Welt. Außerdem kaufen wir Ökostrom ein, das reduziert unseren CO2-Fußabdruck ebenfalls. Trotzdem bleiben am Ende eben Emissionen, die wir noch nicht vermeiden können – und die kompensieren wir. Das wird sicherlich auch in den kommenden Jahren noch so bleiben.
ZEIT ONLINE: Erst vor wenigen Wochen gab Google seinen ersten Vertrag als Ökostrom-Großhändler bekannt. Was verbirgt sich dahinter? 
Weihl: Wir treten als Großhändler auf, weil es uns erlaubt, direkt mit den Entwicklern von Windparks zu verhandeln. In diesem Fall etwa garantieren wir einer Windfarm in Iowa, 20 Jahre lang ihren Ökostrom abzunehmen. Die Ökostrom-Zertifikate, die wir dabei automatisch erhalten, so genannte RECs (Renewable Energy Certificates), halten wir zurück. Weil wir den Ökostrom noch nicht komplett selbst verbrauchen können, verkaufen wir ihn auf dem Großmarkt weiter.
ZEIT ONLINE: Und was machen Sie mit den Ökostrom-Zertifikaten? Nutzen Sie diese, um Ihren konventionellen Strom "grün" zu machen?
Weihl: Genau. Wenn wir jetzt noch konventionellen – wir nennen ihn "braunen Strom" – kaufen, dann können wir ihn mit Hilfe der ungenutzten Ökozertifikate als "grün" deklarieren. Wichtig ist bei dieser komplizierten Vertragsgestaltung: Wir garantieren dem Windpark-Betreiber, 20 Jahre lang seinen Strom abzunehmen. Das gibt ihm Investitionssicherheit und stärkt seine Position gegenüber Banken, die er für die Finanzierung neuer Projekte braucht. Und natürlich ist es langfristig das Ziel von Google, den Windstrom vollständig selbst zu verbrauchen.
ZEIT ONLINE: Das Konstrukt klingt erst einmal nach einem smarten Geschäftsmodell: Google kann den Strom mit Gewinn weiterverkaufen.
Weihl: Nein, unser Ziel ist nicht, auf Energiemärkten mitzuspekulieren. Für uns ist es eine Möglichkeit, sich unabhängiger von den Stromkonzernen zu machen und direkt mit Ökostromanbietern in Kontakt zu kommen. Wir gehen zudem von steigenden Strompreisen aus. Da wir schon heute den Einkaufspreis für unseren Windstrom in 20 Jahren festgelegt haben, ist der Vertrag sicherlich wirtschaftlich von Vorteil für Google.
ZEIT ONLINE: Welche Summen hat Google bislang insgesamt in seine CO2-Reduzierung investiert?
Weihl: Wir haben etwa 40 Millionen Dollar in Greentech-Unternehmen und etwa 38 Millionen Dollar in zwei Windfarmen in North Dakota investiert. Dazu kommen solche Ökostromverträge.
ZEIT ONLINE: Gibt es Tabus? Würde Google auch in Atomkraft oder die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid investieren (CCS)?
Weihl: Es geht uns um erneuerbare und saubere Energien: Wind, Solar und Geothermie. Wir schauen uns auch den Elektroauto-Markt genau an und haben dort in Batterieentwickler investiert. Erst einmal gibt es keine Tabus. Natürlich muss die Technologie erfolgversprechend sein und Renditen erwirtschaften. In Atomstrom haben wir nicht investiert – aus dem einfachen Grund, weil sich solche Projekte bislang nicht rechnen. Außerdem muss es sich um Projekte handeln, die Wachstumspotenzial haben.
ZEIT ONLINE: Also keine Glaubensfrage?
Weihl: Ich denke, Kernenergie kann einfach nicht mit günstigen, fossilen Energieträgern konkurrieren – und das wäre die richtige Vergleichsbasis. Das kann sich aber natürlich auch noch ändern. Ähnliches gilt für CCS: Es gibt bislang keine wirtschaftlich interessanten Projekte für uns als Investor.
ZEIT ONLINE: Mit Investitionen in Klimaschutzprojekte reduziert Google außerdem seinen CO2-Fußabdruck. Wie kontrollieren Sie, ob solche Projekte wirklich zusätzlich sind?
Weihl: Wir orientieren uns an den klassischen Standards, etwa den der Vereinten Nationen oder dem Climate Action Registry in Los Angeles. Weil diese aber nicht immer streng genug sind, haben wir noch eine eigene Anforderungen: Die Projekte rechnen sich nur mit unseren Kompensationszahlungen. Sie müssen also finanziell zusätzlich sein. Und sie müssen die CO2-Emissionen dauerhaft senken. Deswegen investieren wir etwa nicht in Aufforstungs- oder Waldprojekte. Man kann nicht garantieren, dass der Wald eines Tages abbrennt und doch CO2 emittiert wird.
ZEIT ONLINE: Warum ist es Google eigentlich so wichtig, CO2-frei zu sein? Die Investitionen betragen ja bislang nur einen verschwindend geringen Bruchteil ihres Jahresgewinns von mehr als 6,5 Milliarden Dollar? Ist das nicht einfach nur Marketing?
Weihl: Nein, es geht hier nicht um Marketing, sondern um die Werte innerhalb des Konzerns und für die unser Gründer und die Vorstände stehen. Wir sehen den Klimawandel als eine der wichtigsten Herausforderungen für die Gesellschaft an. Es ist wichtig, dass jeder einzelne dieses Thema anspricht. Wir machen das eben, indem wir CO2 frei werden und auch sonst nachhaltig wirtschaften, etwa indem wir Wasser recyceln und keine giftigen Mittel verwenden. Wir allen wissen, dass Google sich nicht aus der Verantwortung stehlen kann.

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Leser-Kommentare
DAS BÖSE am 09.09.2010 um 8:35 Uhr
1. Ist GOOGLE doch gut?

Ich nutze den CHROME Browser seit kurzem und bin beeindruckt von der Geschwindigkeit und auch von den Möglichkeiten Werbung zu unterdrücken und ich nehme denen sogar ab, dass sie die Sache mit der Energieeffizienz gut machen.

Etwas rätselhaft ist allerdings der letzte Satz im Text:

Wir allen wissen, dass Google sich nicht aus der Verantwortung stehlen kann.

Wir allein, wir alle, Woody Allen oder etwa Aale?

dermannvomberg am 09.09.2010 um 11:53 Uhr
2. google ist vielleicht nicht das absolut "GUTE"...

...aber immernoch unendlich besser als die anderen Konkurrenten (Apple, Microsoft, Oracle, Facebook).

Google is what google does und bisher waren sie mit wenigen Außnahmen ein Vorbild.

@ZEIT: by the way, es ist mir nicht möglich Kommentare unter chrome-linux abzuschicken, das "warte-rad" läuft und läuft, ohne das etwas passiert. Mit etwas Glück klappt es dann mit Firefox (linux64), bitte beheben Sie dieses Problem.